Spielball der Weltmächte
Warum flüchten Menschen? Was treibt sie dazu, ihre geliebte Heimat zu verlassen? Warum nehmen sie eine ungewisse Zukunft mit zig Hindernissen und Unannehmlickeiten in Kauf, herausgerissen aus ihren sozialen Zusammenhängen, kulturell entwurzelt? TAXI versucht, die Hintergründe solcher Fluchten zu durchleuchten, um zu verstehen...
Zwischen Syrien, der Türkei, dem Irak und dem nordwestlichen Iran liegt ein grosses Gebiet, das seit jeher im Brennpunkt geostrategischer Interessen lag. Sei das zur Zeit der Meder, die 612 v. Chr. das Assyrische Reich eroberten, oder zur Zeit des Osmanischen Reichs vor vier- bis fünfhundert Jahren, als 1639 das Land Kurdistan zwischen den Osmanen und der Perserdynastie der Safawiden aufgeteilt wurde, stets war die Zone heiss umkämpft. Zahlreiche Völker, Reiche und Religionen entfalteten und kreuzten sich hier, lösten einander ab und hinterliessen ihre kulturellen Spuren. Perser, Griechen, Römer. Türken, Araber, Mongolen kämpften im Lauf der Jahrhunderte um die Vorherrschaft über diese Weltregion.
Vergessener Völkermord?
Im letzten Jahrhundert, dem zwanzigsten, gab es schon früh ein einschneidendes Ereignis: Unter Mithilfe von deutschen Truppen und mit der Duldung der europäischen Grossmächte Frankreich und England richteten die Jungtürken 1915 ein unvorstellbares Blutbad an, welches mit Fug und Recht als Genozid an den Christenvölkern der Armenier und den assyrischen Aramäern bezeichnet werden muss. Die überlebenden Armenier gingen in die Diaspora, vor allem nach Frankreich und die Vereinigten Staaten, wo viele unter ihnen erfolgreiche Geschäftsleute und KünstlerInnen wurden. Die fast mittellosen Assyrer jedoch, blieben nach den Massakern in ihrem Stammgebiet in Nordsyrien/Südtürkei, liessen sich zum Islam zwangsbekehren und tabuisierten das Geschehene. Erst heute beginnt diese Kruste langsam aufzubrechen und die EnkelInnen-Generation fragt ihre Väter und Grossväter, was denn damals wirklich passiert sei, und wie es überhaupt passierten konnte. Die letzten Augenzeugen werden wohl bald aussterben, höchste Zeit also, dass sich dieses Volk seiner Geschichte stellt, auch wenn dies ein schmerzhafter Prozess sein wird.
Viele aus der jüngeren Generation sind als Moslems aufgewachsen und werden sich erst nach und nach ihrer christlich-orthodoxen Wurzeln bewusst. Einige haben versucht, sich wieder als Christen anerkennen oder taufen zu lassen - ein Ansinnen, das vom türkischen Staat in exemplarischen Prozessen abgeschmettert wurde. Es begann eine neue Welle von Repressalien gegen diese “staatsfeindlichen Elemente”.
Da die Türkischen Machthaber nichts so sehr fürchten, wie den Abfall ganzer Regionen vom “Mutterreich”, vgl. Kurdistan, werden alle Separationsgedanken kleiner Randvölker und Minderheiten aufs gnadenloseste unterdrückt. Wer nur schon die türkische Vorherrschaft, oder - auf religiöser Ebene - die des Islams in Frage stellt, gilt als Landesverräter und gefährlicher Staatsfeind. Sympathisierende werden mit mehr oder weniger subtilen Methoden zur Raison gerufen. Die Wasser- und Stromversorgung wird unterbrochen, sie bezahlen plötzlich den doppelten Tarif für Energie oder Telefon - die Schikanen fangen relativ harmlos an, werden aber bis zu Verhaftung und Folter gesteigert. Dies ist auch der Ursprung der Fluchtgeschichte von Familie Ö., deren Asylgesuch in der Schweiz seit sieben Monaten hängig ist.
A.Ö.’s Grossvater war syrianischer Christ. 1915 musste er unter osmanischem Druck zum Islam konvertieren. A. wuchs in der Südtürkei nahe der syrischen Grenze auf. In diesem Gebiet herrscht seit 1984 ein offener Vernichtungskrieg der türkischen Armee, offiziell gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK, real gegen die kurdische Bevölkerung. Zusammen mit Hisbollah-Söldnern brannte die Armee im Lauf der Jahre über 4000 Dörfer samt Ländereien nieder. Die Bevölkerung wurde vertrieben. A. Ö.‘s Dorf wurde 1995 dem Erdboden gleichgemacht. Die EinwohnerInnen flüchteten, teils in den Libanon, teils nach Syrien, nach Izmir oder Istanbul und nicht wenige nach Europa.
A.Ö. ging mit seiner Familie zunächst nach Adana (Süd-Türkei). Als sie sich auch dort nicht mehr sicher fühlten, flüchteten sie weiter nach Istanbul. Am 5. Januar 1997 wurde A.‘s Schwager bei einem brutalen Überfall durch türkische Polizeikräfte zunächst gefoltert und anschliessend erschossen, als er mit ein paar Freunden zu Hause sass. Er war politischer Aktivist gewesen, ein Intellektueller, der für die Demokratie eintrat. Seine Freunde wurden damals verhaftet und sitzen bis heute im Gefängnis.
A.Ö. hatte zu der Zeit ein Verfahren angestrengt, um die Religion seines Grossvaters wieder zu erlangen. Am 7. Dezember 1998 wurde der Fall in Istanbul Bakiröy vor Gericht verhandelt. Das Urteil lautete erwartungsgemäss: Der Antrag sei ungültig, ein Religionswechsel sei nicht möglich. Da sich a.Ö. nicht von seinem Vorhaben und seinen Idealen abbringen liess, handelte er sich und seiner Familie grosse Probleme ein. Die Geschäftstätigkeit seines Familienbetriebs, wo aus Halbedelsteinen Schmuck hergestellt wurde, wurde ihm von den türkischen Behörden zusehends verunmöglicht. Willkürlich wurden beispielsweise Einnahmen beschlagnahmt. Die Schikanen und die Repression wurden immer unerträglicher. So sahen sich Ö.s gezwungen, das Land zu verlassen.
Sie flüchteten nach Italien und von dort aus in die Schweiz, wo sie Mitte März 2000 ihr Asylgesuch stellten. Sie fanden Kontakt zur syrianischen Exil-Gemeinschaft in der Schweiz, die etwa 1000 Personen umfasst. Im religiösen Zentrum in Arth-Goldau liess sich die ganze Familie taufen. Das eine Ziel, nämlich Christen zu werden, haben sie somit erreicht. Das andere Ziel, eines Tages in ihre befreite Heimat zurückkehren und in demokratischen Verhältnissen leben zu können – mit religiöser und politischer Freiheit, dem Recht auf die eigene kurdische Sprache und die entsprechenden Schulen und Medien – dieses Ziel liegt noch in weiter Ferne...
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