.: Ausgabe   Nr. 9 :.

Text: Dominic Schaufelberger

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ROMA in der Schweiz von Ausschaffung bedroht Gespräch mit der Aktivistin Mikhaela Nika

Die Verfolgungssituation für Roma in Ex-Jugoslawien bestehe nicht mehr, verlautet das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF), die als AsylbewerberInnen in der Schweiz lebenden Romas haben auf Ende November auszureisen, andernfalls droht ihnen die zwangsweise Rückschaffung. Für viele von ihnen kommt eine Rückkehr nach wie vor nicht in Frage. Sie wollen auf ihre Lage aufmerksam machen. Als aktive Vertreterin der romischen Menschen engagiert sich Mikhaela Nika gegen den ungerechtfertigten BFF-Entscheid.

TAXI: Was ist das für eine Organisation, die du vertrittst?

Mikhaela: Die Organisation heisst Demokratischer Verein Roma, die Zentrale ist in Belgrad und ich habe bis jetzt mit meiner Arbeit, die ich hier seit zwei Jahren mache vielen Romakindern in Jugoslawien geholfen. Es wurden mit den Spendengeldern, die ich durch den Verkauf der Zeitung “Romische Träne” erhalten habe, zwei Kindergärten aufgebaut. Zur Zeit treffen wir Vorbereitungen für den Winter. Der Verein ist eine offizielle Organisation, sowohl in Jugoslawien, wie auch hier. Die Finanzierung erfolgt über den Verkauf unserer Zeitung. Das machen wir freiwillig, ohne einen Lohn dafür zu beziehen. Wir waren selbst in der Situation, welche die Roma jetzt erleben, darum möchten wir diesen Leuten helfen.

Wie bist du zu diesem Verein gestossen?

Genau genommen waren wir nicht wirtschaftlich arm, oder so, wir hatten einen guten Betrieb. Aber wir wurden von der serbischen Mafia nicht in Ruhe gelassen. Auf der Suche nach Hilfe war ich in Belgrad und habe im Internet den Demokratischen Verein gefunden. Ich hab mich dort gemeldet und gesagt, dass ich in die Schweiz gehe. Sie zeigten mir daraufhin die Siedlungen der Roma und fragten, ob ich mithelfen wolle, diese Not zu lindern. Ich sagte zu, denn ich wollte diese Kinder unterstützen.
Du und dein Mann seid selber auch romischer Abstammung?
Jawohl – mit Herz und Seele!
Kannst du uns einige Informationen über eure Zeitung geben?
Die “Romische Träne” hat ihren Namen wegen des Elendes der Romischen Kinder, die vor Hunger, Kälte und Krankheit viel weinen müssen. Sie wird ausschliesslich in Jugoslawien und seit zwei Jahren in der Schweiz verkauft und erscheint alle vier bis sechs Wochen neu. Wir verkaufen von jeder Ausgabe etwa 1000 bis 1500 Exemplare. Die Zeitungen haben keinen fixen Preis, aber wir haben Formulare, wo die KäuferInnen unterschreiben, wieviel sie gespendet haben, damit das Geld nicht irgendwo verschwinden kann. Wir wollen korrekt sein, ich will kein Geld für mich abzweigen. Ich mache das freiwillig mit meiner Familie zusammen.

Gab’s keine Probleme mit den Bewilligungen für diese Art von “Spendenverkauf”?

Nein, die Behörden waren sehr lieb mit uns. Der Demokratische Verein hat direkt von Belgrad aus ein Gesuch in die Schweiz geschickt, wo der Zweck formuliert war. Bald darauf haben wir die Bewilligung bekommen für einige Städte.

Läuft der Heftverkauf hier in der Schweiz gut für euch?

Ich kann mich nicht beklagen, es läuft sehr gut. Die Menschen sind solidarisch mit uns. Unsere Zeitung ist schon ziemlich bekannt. Sie wird in Zürich, Kanton Zug, Stadt Bern, Stadt Winterthur, Stadt Uster und einigen weiteren Orten verkauft, ausschliesslich auf der Strasse, also auf öffentlichem Grund. Sie ist nicht am Kiosk erhältlich. Inhaltlich geht es um die wahrheitsgemässe Schilderung der Realität der Roma, vor allem der Kinder, in Ex-Jugoslawien.

Hat sich denn die Situation für euer Volk unter der neuen serbischen Regierung nicht verbessert?

Im Gegenteil. Die Repression hat sogar noch zugenommen!
Nun sollen ja die romischen Flüchtlinge aus der Schweiz ausgewiesen werden. Kannst du uns kurz die Situation erklären?
Das Bundesamt für Flüchtlinge hat uns Entscheide geschickt, nicht nur mir, sondern hunderten von Roma-Familien aus Ex-Jugoslawien. Wir sollen bis am 30. November die freiwillige Rückkehr unterschreiben. Wenn wir das nicht machen, müssen wir damit rechnen, ab 1. Dezember bis 30. März 2002 zwangsweise ausgeschafft zu werden. Ich habe gleich angefangen, nach mehr Informationen über die jetzige Lage der Roma in Ex-Jugoslawien zu suchen, die ich dem Bundesamt vorgelegt habe, um zu begründen, warum wir gegen die Ausschaffungen sind. Wir haben uns vorbereitet, am 24. November ist die grosse Sans-papiers-Demo in Bern und da wir baldige Sans-papiers sind, machen wir mit. Ich werde eine Rede halten. Ich werde das Gemeinschaftsbüro der Gesellschaft für bedrohte Völker und Grüne Schweiz besetzen und von dort aus etwa eine Viertelstunde sprechen, mit Musik und mit unserer Romagruppe.

Was erwartet ihr an Unterstützung von der Schweizer Bevölkerung?

Wir werden von etwa acht bis zehn Schweizer Organisationen bei den Vorbereitungen für die Demo unterstützt. Da wir etwa mit fünf- bis zehntausend DemonstrantInnen rechnen, wollen wir auch eine Petition lancieren. Die Petition wird unterstützt von Grüne Schweiz, der Gesellschaft für bedrohte Völker, Solidarité sans Frontières, augenauf Basel, augenauf Zürich, IGA Solothurn, Antirassistisches Netzwerk Zürich und weitere. Sie stehen alle auf dem Petitionsformular.

Gibt es schon Pläne für weitere Aktionen nach der Demo?

Wenn es so nicht klappt werden wir versuchen, Kirchen zu besetzen. Vielleicht haben wir dann Erfolg. Denn die Roma sind eine ethnische Minderheit, die in Jugoslawien keine Rechte hat. Wir sind auch ein Volk, werden aber nicht als solches angesehen, sondern als rechtlose Minderheit unterdrückt. Wir haben hier einen Platz gefunden und wollen ihn behalten können. Wir geben nicht auf.

Also ist es euer Wunsch, euch in der Schweiz nieder zu lassen? Oder möchtet ihr als Fahrende hier leben?

Es gibt verschiedene Gruppen von Roma, auch fahrende. Aber wir gehören zu den Sesshaften. Wir verlangen vom Bundesamt nichts weiteres, als eine vorläufige Aufnahme. Die Übergabe unserer Forderungen und der Petition an Bundesrätin Ruth Metzler soll anlässlich unserer Pressekonferenz am 26. November in Bern erfolgen. Wir werden ihr als zusätzliche Informationsquelle ebenfalls alle bisherigen Nummern unserer Zeitung übergeben.

Eine Woche nach diesem Interview fand in Bern die nationale Demo für die Sans-papiers statt.

Der Umzug war mit etwa acht- bis zehntausend Teilnehmenden, darunter sehr vielen Sans-papiers, ein voller Erfolg. Weniger Erfolg war dem Anlass bei den Medien beschieden: Von den grossen deutschschweizer Tageszeitungen berichtete nur gerade die Berner Zeitung über die Demo, und dies auch nur äusserst knapp. Das Anliegen der Aufenthaltslegalisierung für Papierlose wird überhaupt generell vom Parlament und den massgeblichen Behörden auf die lange Bank geschoben und in der öffentlichen Diskussion auf so kleiner Flamme, wie irgend möglich, gekocht.
Für Mikhaela Nika war dann ebenfalls die Pressekonferenz am folgenden Montag ein positiver Moment. Den anwesenden Nationalrätinnen wurde die Petition für die Roma übergeben. Die Medien waren zahlreich präsent, was sich auch in der Berichterstattung spiegelte, wo die romischen Probleme recht ausführlich zur Sprache kamen - und ebenfalls die ablehnende Haltung von BFF-Direktor Jean-Daniel Gerber. (TA vom 29. 11.) Zur Zeit herrscht in Sachen Petition eine Stillstand-Situation. Die PetentInnen warten auf eine formelle Antwort vom BFF. Unterdessen mobilisieren sie weiter und machen auf ihre missliche Lage aufmerksam.

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