.: Ausgabe   Nr. 38 :.

Text: Milna Nicolay

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Blick in die Petition aus dem Pöschwies

mn. Die Leserbriefschreiber waren sich wieder mal einig. Eine Unverschämtheit sei es, wenn Gefangene mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit fordern. Am besten nach Kirgisien schicken oder in ein modriges Turmverlies stecken und den Schlüssel wegwerfen. Mir ist richtig schlecht geworden, ob soviel Selbstgerechtigkeit und Menschenverachtung. Hat denn ein Gefangener kein Recht auf Würde? Abgesehen davon, fordern sie ja gar nicht Ferien auf den Malediven, sondern bloss einige Verbesserungen im Alltag.

Ich hab die Petition, die Forderungen und Begründungen gelesen und war entsetzt über die Repression, die Schikanen und die miesen Lebensbedingungen in der Strafanstalt Pöschwies. Das sollte einmal klar gesagt werden. Gefängnis ist alles andere als ein Ferienaufenthalt, wie so gern behauptet wird. Das beginnt mit der Zwangsarbeit und endet nicht bei pingeliger Kontrolle in jedem Lebensbereich. Ich würde durchdrehen und die Gesellschaft, die diese Form von Entwürdigung gut findet, erst recht hassen. Pöschwies ist die einzige Strafanstalt in der Schweiz die ein DVD Verbot kennt. Angeblich seien die notwendigen Kontrollen aus technischen Gründen nicht möglich. Das führt zur absurden Situation, dass PC-Hefte abonniert, die darin enthaltenen DVDs aber nicht ausgehändigt werden dürfen.
Krass sind die Schliesszeiten. Normalerweise ist um 19.50 Uhr der Tag zu Ende, aber am Wochenende werden die Zellen bereits um 17.30 Uhr geschlossen. Dadurch wird den meisten Insassen die Möglichkeit genommen nach der Arbeit zu duschen. Geschlossene Zellen heisst: Isolation! Logistisch nicht nachvollziehbar, denn es arbeitet genau soviel Personal, wie unter der Woche. Schikane? Ganz frech und über die Massen asozial finde ich, dass jedem Insassen pro Arztbesuch der Betrag von Fr. 5.- vom Konto abgebucht wird. Da die Eingeschlossenen wenig Geld auf ihrem Konto haben, gehen die wenigsten zum Arzt. Das kann zu Komplikationen führen und die zu spät einsetzende Behandlung um einiges verteuern. Zum Beispiel die Grippe. Diese wäre mit einigen Tagen Bettruhe und ohne Arztbesuch heilbar. Aber Bettruhe ist nur mit einem Arztzeugnis möglich, sonst würde streng wegen "Arbeitsverweigerung" sanktioniert. Also muss mehrmals 5 Franken bezahlt werden, damit der Arzt häppchenweise 1-2 Tage Bettruhe erlaubt. Ein weiteres Anliegen ist, dass ärztliche Anweisungen und Verschreibungen vom Personal anstandslos umgesetzt werden. Scheinbar werden ärztliche Anweisungen von einigen Angestellten und Werkmeistern willkürlich verweigert. Machtausübung auf Kosten der Gefangenen?
Völlig lächerlich und überhaupt nicht einsichtig scheint mir, dass die Direktion bewilligen muss, wenn Bücher, Zeitschriften oder Zigaretten verschenkt, getauscht oder untereinander ausgeliehen werden wollen! Gerade diese Interaktionen gehören zwingend zum zwischenmenschlichen Dasein. Dies fördert die soziale Kompetenz und trägt nicht unwesentlich zur Resozialisierung bei. Warum dieser unverhältnismässige Verwaltungsaufwand der überflüssige Mehrkosten verursacht? Ich würde meine gelesenen Bücher und Hefte lieber einem Mitgefangenen geben, statt sie im Abfall zu entsorgen. Diese repressive Praxis ist abartig.
Endgültig schockiert hat mich die Handhabung des Besuchsrechts. Scheinbar gibt es immer wieder Vorfälle und Diskriminierungen im Kontroll- und Eingangsbereich, wie harscher Umgangston; männliche Angestellte, die weibliche Besuchspersonen vor allen anderen zum Ausziehen von intimen Kleidungsstücken auffordern. Bei sprachlichen Kommunikationsschwierigkeiten werden BesucherInnen einfach stehen gelassen. Kinder werden vom Personal angeschrieen und Insassen oder BesucherInnen im Besuchsraum abgekanzelt. Solche Verhaltensweisen des Personals bergen ein brisantes Konfliktpotential. Wenn weiblicher Besuch sich schon ausziehen muss, dann bitte vor weiblichem Personal und diskret in einem separaten Raum. Vollends ist mir die Wut hochgekommen, als ich gelesen habe, dass bei Familienzimmerbesuchen Insassen vom Personal explizit/anzüglich unter Missachtung der grundlegendsten Diskretions- und Anstandsregeln wegen der Nichtbenutzung der Bettwäsche angesprochen werden. Derzeit müssen Familienzimmer-BesucherInnen quer durch den Besucherraum spiessrutenlaufen und der Insasse muss am Rande - für alle gut sichtbar - in Anstaltspantoffeln und auffällig von zwei Angestellten begleitet das Familienzimmer betreten. Nach dem Besuch muss er, wiederum eskortiert und mit einem grossen durchsichtigen Abfallsack mit der benutzten Wäsche in der Hand, wieder durch den "Dorfplatz" und danach bis zur Wäscherei laufen. Wo ist da die minimale Achtung der Würde und Diskretion der Ehefrauen, der Freundinnen und Insassen? Umso mehr wenn sie aus Kulturkreisen mit ausgeprägtem Schamgefühl stammen. Das ist Erniedrigung pur. Bisher ging ich davon aus, dass in den Strafanstalten auf Resozialisierung hin gearbeitet wird. Dass das Personal regelmässig geschult wird. Das Supervisionen stattfinden und neuste Erkenntnisse im Umgang mit Eingeschlossenen aufgegriffen und umgesetzt werden. Völlig losgelöst weswegen ein Mensch ins Gefängnis kommt, hat er das Recht auf Respekt, Anstand und Menschenwürde. Für die einen ist es vielleicht das erste mal, dass sie damit in Berührung kommen. Viele Straffällige/Kriminelle haben den Einstieg in die Gesellschaft mit ihren subtilen Regeln und Zwängen nicht geschafft und haben deswegen eine zwangsweise Auszeit bekommen. In dieser Zeit könnten sie lernen, dass es auch anders geht. Aber nicht unter diesen Bedingungen.

Anmerkungen zur Petition von Marco Camenisch

Abschliessend möchten wir den Gesamtregierungsrat (GR) darauf aufmerksam machen, dass gefangen sein keine Eigenschaft sondern ein (schwerwiegender!) Zustand ist. Darum sind wir Insassen nicht a priori "unglaubwürdig", "Simulanten", usw., einfach weil wir gefangen sind. Unseren Zustand kennt ein Mensch erst dann richtig, wenn er gefangen ist, und schlussendlich sind wir die einzigen und besten "Experten" eines reibungslosen und geregelten Ablaufes des täglichen Lebens in einer Strafanstalt, was umso mehr für lange einsitzende Insassen gilt. Als gefangene Menschen stellen wir nicht die Machtfrage. Die ist uns bestens bekannt und um schlichtweg zu überleben, müssen wir uns damit abfinden, von der Gesellschaft ausgeschlossen und in einem Gefängnis zu sein. Aber um Menschen zu bleiben, können und dürfen wir uns nicht auch noch damit abfinden, dass wir auf Schritt und Tritt missachtet und verachtet werden, auch wenn das bisweilen mit den besten Absichten, dem freundlichsten Umgangston und soweit ohne Anwendung von körperlicher Gewalt stattfindet. Darum können wir uns auch nicht mit sinnlosen Regelungen, Ungerechtigkeiten und Provokationen abfinden, die weit über die Notwendigkeit der Sicherheit und des reibungslosen Ablaufes hinausgehen. Das findet in dieser Anstalt aber zuhauf statt, und die Direktion scheint nicht da zu sein, um die Anstalt zu leiten, sondern um diese Lage nach aussen schönzureden und nach innen beharrlich und praktisch ausnahmslos abzusegnen. Das stört den täglichen Ablauf, das Leben der Gefangenen, die Arbeit des Personals und einen geregelten und reibungslosen Ablauf schwer. Eine Direktion, die den direkten Kontakt mit den Gefangenen und dem Leben in der Anstalt beharrlich verweigert, oder davon von anstaltsinternen bzw. -externen Machtklüngeln ausgeschlossen wird, hat davon keine Ahnung und ist auch nicht in der Lage und Willens etwas zu ändern.
Das verursacht oder begünstigt bloss Korruption, Verschwendung von Mitteln, erzeugt also Mehrkosten und Spannungen, welche die Sicherheit der Insassen, des Personals und schlussendlich der Gesellschaft bloss verschlechtern und den Auftrag des Strafvollzugs in Frage stellen. Da mit der bestehenden Leitung und Lage keine echte Kommunikation stattfinden darf oder kann, um Missstände mitzuteilen und sinnvolle und notwendige Veränderungsvorschläge einzubringen, da eindeutig berechtigte, wichtige, korrekt und sogar wiederholt eingegebene kollektive und persönliche Beschwerden und Anfragen an die Direktion systematisch und jahrelang, mit sehr seltenen Ausnahmen zur Bestätigung dieser "Regel", schlichtweg ignoriert wurden und werden, sehen wir Insassen der Strafanstalt Pöschwies uns nun gezwungen, uns direkt öffentlich an den höchsten politischen Verantwortlichen, den GR, zu wenden. Die von uns Insassen mit dieser Petition eingereichten Anträge, die das Ausmass der vorhandenen Missstände und des bestehenden tiefen Unbehagens erst noch unvollständig zum Ausdruck bringen können, verursachen weder zusätzliche Kosten, noch wird die Sicherheit tangiert, noch stören sie einen geregelten und reibungslosen Ablauf, noch verschlechtern sie die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit des Personals.

Diese Petition wurde eingereicht
" Um diese notwendige Kommunikation wieder herbeizuführen!
" Damit der "Resozialisierungsauftrag" im demokratischen und rechtstaatlichen Rahmen zur besseren Sicherheit der Gesellschaft nachhaltiger ausgeführt werden kann!
" Damit sich das Zusammenleben unter den Insassen, das Verhältnis zwischen dem Personal und den Insassen und unter dem Personal ein bisschen menschlicher gestaltet und es zum Abbau von wachsenden Aggressionen kommen kann!
Denn ein "Leben", das im Wesentlichen bloss aus Zwangsarbeit, Fütterung, Einschluss und vollständiger Bevormundung besteht, hat mit "Resozialisierung" nichts zu tun und führt zur totalen Verrohung, Verwahrlosung und ist letztlich bloss eine Art der Versklavung. Der Entwurf dieser Petition entstand aus einem vor allem in den letzten Jahren zunehmend angestiegenen Unbehagen der Insassen. Auch im Zusammenhang mit der allgemeinen Verhärtungs- und Verwahrungsorgie in der Asylpolitik, der Justiz und im immer vollständiger psychologisierten Strafvollzug, die zunehmend keine Perspektiven mehr für ein zukünftiges Leben in Freiheit offenlassen, läuft dieses Unbehagen die grosse Gefahr, immer mehr die Züge blanker Verzweiflung anzunehmen.

Diese Petition wurde spontan ohne kollektiven Auftrag von einer Insassengruppe angeregt und aus eigenen und in der Diskussion mit weiteren Insassen gesammelten Vorschlägen und Wünschen ausgearbeitet. Die Einreichung der Petition und die Petition selbst werden mit den Unterschriften selbstverständlich zur kollektiven Angelegenheit und Verantwortlichkeit aller unterzeichnenden Insassen. Es unterschreiben 186 Insassen. 182 Unterschriften, über 82%, kommen von den 220 Insassen, die einander treffen können. Diese 82% sind für alle 450 Insassen der STA-Pöschwies repräsentativ! Denn: die andere Hälfte aller Insassen der STA-Pöschwies wird untereinander und von unserer Hälfte vollständig getrennt und konnte nicht miteinbezogen werden, und die vier Unterschriften aus dieser Hälfte kamen zufällig zustande. Der Einsender persönlich hat ausschliesslich die einmalige und in eventueller Folge auswechselbare Verpflichtung übernommen, diese Petition dem Regierungsrat zu überweisen und eventuell an die Insassen gerichtete Antworten oder Anfragen betreffs dieser Petition möglichst umgehend und vollständig weiterzuleiten. Er hat somit vom unterzeichnenden Insassenkollektiv keinerlei leitenden Auftrag erhalten und hat in diesem keinerlei stellvertretende Funktion inne oder übernommen.
Für weitere Anfragen und Erläuterungen und zum Erhalt einer Kopie dieser Petition können Sie sich an die Insassen Hans Peter Siffert, Stefan Seiler, Boris Rüegg und Marco Camenisch unter der Adresse: PF 3143, 8105 Regensdorf, Schweiz, wenden.

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