Der "Pfuusbus" - Ein Lichtblick in der Kälte
Es ist stockfinster. Totenstille und klirrende Kälte umgeben die Nacht. Variierende Gefühle prägen uns. Dann plötzlich, ein "Grüezi wohl" von Rainer, der gerade aus der mobilen Toilette herauskommt.
Der "Pfuusbus" ist aber immer noch abgeschlossen. "Wo isch de Giorgio? Er söll ändli de Schlüssel bringe, ich wott go penne", schimpft Rainer. Er ist einer von vielen Besuchern dieser Schlafstätte. Die meisten sind obdachlos. Nur wenige haben ein Heim, aber auch sie können sich aufgrund finanziellen Defizits den Lebensunterhalt nicht finanzieren.
Giorgio ist einer der Betreuer hier. Abgesehen davon, dass er manchmal etwas zu spät zum Einsatz erscheint, einen etwas rauen Umgangston pflegt und nicht allzu gesprächig ist, scheint er ein guter Koch zu sein. Vielleicht liegt's ja am italienischen Flair.
Im November 2002 wurde der "Pfuusbus" zum ersten Mal aufgestellt. Ein 17 Meter langer und 2.5 Meter breiter ausgedienter Sattelschlepper steht seither jeden November bis April auf dem Albisgüetli - Areal. Der Initiant, Pfarrer Ernst Sieber, wollte den Notleidenden ein Heim geben, da es dazumal einfach zu wenige Schlafplätze für Obdachlose gab. "Vor allem in der eisigen Kälte brauchen sie ein Heim, einen Ort, wo sie ihre Nächte verbringen können", so Sieber.
Der "Pfuusbus" ist mit einer kleinen Küche zudem ein Gaskochherd, einem Esstisch, einer Dusche und einem "Toi-Toi" - WC ausserhalb des Lastwagens wohnlich ausgestattet. In den 12 Schlafplätzen hat es rund 1334 Übernachtungen in den ersten 5 Monaten gegeben. Die unterschiedlichsten Personen mit verschiedensten Problemen kommen hierher.
Genau mit denen setzen sich die rund 50 Freiwilligen auseinander, die sich ihre Arbeitszeiten aufteilen und immer tatkräftig mitwirken. Eine von ihnen ist Candida Schlatter, gelehrte Reprophotographin, die aus Italien stammt. Seit Beginn hilft sie im "Pfuusbus" mit. Es habe aber alles schon viel früher begonnen, meint sie. Während der Drogenwelle 1991 am Platzspitz suchte Pfarrer Sieber Freiwillige, um die Drogensüchtigen und Obdachlosen unterzubringen. Sie meldete sich, weil sie den Bedürftigen helfen wollte.
Der "Sune-Egge" war somit entstanden. Eine "sozial-medizinische Krankenstation", die auch heute noch Drogensüchtigen und HIV - Patienten eine Anlaufstelle gibt, wo sie eine gute medizinische Versorgung erhalten. Im Jahre 2002 waren schon über 20'000 Konsultationen verzeichnet worden.
Die Idee von Pfarrer Sieber ist es, Freiräume zu schaffen. Die Notleidenden müssen Raum und Nahrung erhalten. "Viel dazu beigetragen, dass ich diesen Menschen helfen wollte, hat sicher der "Kältewinter '69", sagt Pfarrer Sieber. "Seit da sammeln wir die Leute teils mit einem Kleinbus ein." Durch diese Hilfe wird ein gegenseitiges Vertrauen aufgebaut.
Einige der Obdachlosen seien selber schuld, wenn sie sich vernachlässigen, aber vielfach liege die Verantwortung bei der Gesellschaft und die werde häufig nicht ausreichend ernst genommen. Mit dem "Pfuusbus" wollten Pfarrer Sieber und seine Helfer wie Projektleiterin des "Pfuusbusses" Marianne Hallmen, den Bedürftigen eine familiäre Atmosphäre bieten, ihnen eine Chance geben sich zu profilieren, damit sie sich wieder in unsere Gesellschaft integrieren können. Im "Pfuusbus" soll man in Geborgenheit leben, nach dem Gemeinschaftsprinzip: "Alle können mithelfen". So werden auch die teils rüpelhaften zu zahmen, anständigen Menschen.
Im Innern des "Pfuusbusses" angelangt, spüren wir die eben genannte Atmosphäre, als bei der anschliessenden Mahlzeitzubereitung jeder, fast jeder, mithilft. Sei es nun Essen holen, rüsten oder kochen.
Beim folgenden, gemeinsamen Essen an der hufeisenförmigen Eckbank wird die Nahrung gierig verschlungen, während
So auch Claudio. Dieser behaust den "Waldschnägg" nebenan. Eine Art Baustellwagen direkt neben dem "Pfuusbus". Er scheint privilegiert zu sein, da er ganz alleine mit seinem Hund darin wohnen darf. Er hat sich anfangs etwas schroff und abweisend verhalten, nachdem er aber unsere Absichten erkannt hat, wirkt er sehr kollegial und macht auflockernde Spässe. Nur unsere Namen kann er sich nie merken!
Ebenso lernen wir Dave kennen, einen ehemaligen Kokainabhängigen, bei dem die psychischen Schäden seiner früheren Sucht leider bemerkbar sind. Er führt nämlich oft Selbstgespräche. Jedoch ist es erstaunlich, dass er, sobald er einige Zeit im "Pfuusbus" verweilt, ein ganz anderer Mensch wird.
Mit am Tisch sitzt ausserdem Walter. Er ist schon seit erster Stunde hier im "Pfuusbus." Pfarrer Sieber kennt er schon seit vielen Jahren, da beide Bauernsöhne sind. Walter hat ein Bauernhaus mit viel Land, einer Scheune und einem Wohnhaus besessen. Er war selbstverständlich Bauer und hat ein normales Leben geführt. Doch dann: "Es war Brandstiftung" sagt er, "Alles war abgebrannt." Die Gebäudeschatzung sei unbefriedigend gewesen. Heute, zwei Jahre später, ist das Verfahren stets noch hängig. Er wartet scheinbar endlos auf den Bundesgerichtsentscheid. "Während des Tages kann ich arbeiten. Ich vermarkte verschiedene Produkte, wie Äpfel, Milch, Käse und Fleisch", erzählt Walter. Er wirkt gebildeter als andere hier. Seine guten biologischen Kenntnisse kommen bei der Salatzubereitung zum Ausdruck, als er uns beim Schälen der Karotten belehrt.
Auf dem Feld, bei seinem abgebrannten Grundstück, hat er bereits wieder neues Getreide angepflanzt. Er hofft in ein gewöhnliches Leben zurückkehren zu können.
Der "Pfuusbus" ist nach Pfarrer Sieber ein "Mutterbauch". Es ist wie ein Neugeborenwerden. Diese nahezu "mütterliche" Betreuung und Unterstützung, die die Obdachlosen von den freiwilligen Helfern erhalten, ist immens. Der Wille, diesen Benachteiligten zu helfen, hat uns sehr beeindruckt. Auch das grosse persönliche Engagement von Pfarrer Sieber, der, trotz seiner stattlichen 77 Jahren, den Obdachlosen immer noch hilft wieder auf die Beine zu kommen, ist aussergewöhnlich. Die meisten seines Alters wären gar nicht mehr imstande, überhaupt solche Hilfe zu leisten, da sie mit ihren eigenen Beschwerden und Gebrechen beschäftigt sind. Imponierend ist ebenfalls die unerschütterliche Ausdauer, Randständigen zu helfen, nicht des Geldes wegen, sondern aufgrund innerer Überzeugung und Hoffnung, ihnen überhaupt noch helfen zu können, sie nicht einfach fallen zu lassen.
Diese Hilfeleistung, sie muss nicht so enorm sein wie bei Pfarrer Sieber, fehlt in der heutigen Zeit. Es ist einfacher, die Augen vor den Problemen zu schliessen, anstatt diese zu lösen.
Es würde jedem gut tun, einmal diese Seite der Gesellschaft kennen zu lernen. Bewusster wird einem dann, wenn man abends zu Bett geht, dass viele auf der ganzen Welt kein Dach über dem Kopf oder nicht genug zu essen haben. Man lernt es zu schätzen und beginnt sich vielleicht Gedanken darüber zu machen, doch den Ärmeren zu helfen, sei es nun finanziell oder direkt durch "körperlichen" Einsatz.
In diesem Sinne ein "B'hüet Di Gott" von Pfarrer Sieber.