Lotte Hümbelin - Die Dinge nicht
als etwas Banales hinnehmen
Lotte Hümbelin war kritische Kommunistin,
Jüdin und Zeitzeugin eines bewegten Jahrhunderts. Am 22.
Januar wäre sie hundert Jahre alt geworden. Ihre Autobiografie
erzählt vom Leben einer emanzipierten Frau, die sich dem
Engagement in der Arbeiterbewegung verschrieben hat. Am 29. Juni
letzten Jahres ist sie in Zürich gestorben.

In „Mein eigener Kopf“, der Autobiografie, die
Lotte Hümbelin mit 90 Jahren veröffentlicht hat,
wirft sie einen Blick zurück auf die Jahre bis 1939. Es ist
das erste, das bewegteste Drittel eines langen und ereignisreichen
Lebens. Lotte kommt als Charlotte Bindel 1909 in der Leopoldstadt, dem
Judenviertel Wiens, zur Welt. Als Tochter kleinbürgerlicher
Eltern wächst sie in ärmlichen, bedrängten
Verhältnissen auf. Das schwächliche, scheue Kind, als
das sie sich beschreibt, mit seiner ständigen Sehnsucht nach
dem Grün der Natur, sieht sich einem trostlosen Milieu
gegenüber, dem, wie sie schreibt, überhaupt nichts
Romantisches anhaftet: „Wir waren arm, ohne den bewussten
Stolz der Arbeiter zu kennen. Mit ihnen sympathisierten wir zwar, doch
ein Auge schielte immer nach oben in die höheren
Regionen.“
Politisch war es eine Zeit des Umbruchs, auch des zeitweiligen
Aufbruchs. Österreich ging geschwächt und als
Republik auf sein Binnenterritorium geschrumpft aus dem Krieg hervor.
Zugleich war es eine hoffnungsvolle Zeit der Experimente: die Zeit des
sozialdemokratischen „Roten Wien“ mit seinen
sozialen Reformen und Wohnbauprojekten. Lotte Hümbelin
schreibt in ihrer Autobiografie: „Das Rote Wien beeindruckte
mich zwar sehr. (...) Allerdings brachte mich das auch nicht aus
unserem Elend heraus. Was mich antrieb war die Sehnsucht nach einer
vollkommenen Umwandlung dieser hässlichen Welt; das radikalere
kommunistische Konzept, das ferne Licht aus dem Osten zog mich deshalb
unwiderstehlich an.“
Noch während ihrer
Gymnasialzeit schliesst sie sich der Sozialistischen Arbeiterjugend an
und wenig später tritt sie dem Kommunistischen Jugendverband
bei. Hier lernt sie ihre grosse Jugendliebe Hermann Köhler
alias Hermes kennen, der für die Komintern Kurierdienste
leistet. Mit ihm verbindet Lotte eine wechselvolle, oft einseitige
zehnjährige Liebesbeziehung. 1931 folgt sie Hermes nach
Moskau, wo sie als Verlagslektorin arbeitet. Ihre kühnen
Erwartungen werden gedämpft, das erhoffte Arbeiterparadies
findet sie dort nicht. Dennoch trifft sie - anders als bei
späteren Besuchen - auf ein Land, in dem der Aufbruch noch
spürbar und die Begeisterung echt ist.
Als sie zwei Jahre
später nach Wien zurückkehrt, ist ihr die Stadt fremd
geworden. Die kommunistische Partei ist verboten, der Austrofaschismus
ist auf dem Vormarsch. Was folgt, ist eine rastlose Zeit im Untergrund:
in Prag, Moskau und Wien. Im Prager Exil wird sie 1936 verhaftet und
sitzt für mehrere Monate im Gefängnis. Ein Freund
vermittelt ihr kurz darauf einen Erholungsurlaub in der Schweiz. Am
Zürcher Bahnhof erwartet sie ein ruhiger, pfeifenrauchender
Genosse. „Der Mann flösste mir sofort Vertrauen
ein“, schreibt sie. „Er hiess Fred und wurde mein
zukünftiger Ehemann.“ Bis dahin sollte es aber noch
drei Jahre dauern, in denen Lotte in Paris österreichische
Freiwillige auf deren Reise nach Spanien, in den Bürgerkrieg
betreut. Zurück in Wien erlebt sie im März 38
zusammen mit Hermes den deutschen Einmarsch. Hermes wird
später von den Nazis gefangen genommen, im KZ Buchenwald
gefoltert und erschossen. Lottes Vater, ebenso wie ein Grossteil ihrer
Verwandten und Freunde überleben die Vernichtungsmaschinerie
der Nazis nicht und werden in den Konzentrationslagern umgebracht.
Lotte flieht in die Schweiz zu Fred. Doch hier ist sie alles andere als
willkommen. Wie viele andere wird sie wegen
„Überfremdung“ von den Behörden
zum Verlassen des Landes aufgefordert. Ein Hausangestellten-Visum
ermöglicht ihr schliesslich die Ausreise nach England. Sie
schlägt sich ein halbes Jahr als Kindermädchen und
Köchin durch, bis Fred 1939 zu ihr reist um sie zu heiraten.
Das Paar kehrt wenige Wochen vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs nach
Zürich zurück – in die
„Mausefalle“ wie viele ihrer Freunde
befürchten. Die Mausefalle wurde ihre Heimat, hier kann sie
endlich Wurzeln schlagen. „In der Schweiz erwartete uns kein
leichtes Leben. Es war für uns beide, trotz aller
Widerwärtigkeiten, materiellen Härten und
wiederkehrenden Polizeischikanen, genau das Leben, das wir beide
wollten. Es war Erfüllung.“ An dieser Stelle enden
die Aufzeichnungen Lotte Hümbelins. Ein von Jeannine Horni
Ende der 90er Jahre geführtes Interview gibt Auskunft
über die ruhigeren, aber nicht weniger engagierten Jahre die
nun folgen sollten.

In der Schweiz tritt Lotte – das war für sie
Ehrensache – der Kommunistischen Partei bei, die 1940
verboten wird, und 1944 als Partei der Arbeit (PdA) wieder aufersteht.
Im Zuge der antikommunistischen Hysterie der Nachkriegszeit sind Lotte
und ihr Mann wie viele ihrer Genossen und Genossinnen Schikanen,
Drohungen und Beschimpfungen ausgesetzt. Entlassungen und Berufsverbote
sind an der Tagesordnung. Auch Fred wäre entlassen worden,
hätten sich nicht seine Schüler und ihre Eltern im
rechten Moment für ihn eingesetzt. Anfangs der 50er Jahre
erhält sie von der Partei den Auftrag, die in der Westschweiz
bereits existierende Schweizerische Frauenvereinigung für
Frieden und sozialen Fortschritt (SFFF) auch in der Deutschschweiz
aufzubauen. Die Arbeit in dieser Gruppe, die sich unter anderem
für die Einführung des Frauenstimmrechts und ein
AHV-Alter für Frauen einsetzt, wird, wie sie sagt zu ihrer
„wichtigsten und liebsten Aufgabe“. Nach dem
Ungarnaufstand 1956 zieht sie sich – anders als Fred
– von der aktiven politischen Arbeit in der Partei
zurück.
Sie beginnt für das
„Vorwärts“ Theaterkritiken zu schreiben
und beschliesst, mit über 50 Jahren an der
Universität Zürich Heilpädagogik zu
studieren. Zwanzig Jahre lang behandelt sie anschliessend im Auftrag
der Uni als Einzeltherapeutin Kinder bei sich zu hause. Ende der 70er
Jahre erkrankt Fred an Nierenkrebs; er stirbt 1986 im Alter von 90
Jahren. Im Juni letzten Jahres ist Lotte ihrem Mann gefolgt. Sie ist,
wie sie es sich gewünscht hat, in ihrer Wohnung an der
Kurvenstrasse gestorben, in der sie mehr als die Hälfte ihres
Lebens verbracht hat. Lotte Hümbelin hätte ihre
Autobiografie leicht zu einem Heldenepos verklären
können – doch sie widersteht der Verlockung. Ihre
Aufzeichnungen sind wohltuend bescheiden und frei von Eitelkeit. Ihr
Lebensweg ist kein geradliniger; sie beschreibt auch ihre Unsicherheit
und ihre Zweifel. Aber nie gibt sie ihren „eigenen
Kopf“ preis. Was sie auszeichnet, schreibt sie, ist
„die unstillbare Lust und der Drang, über die Dinge
des Lebens nachzudenken, sie nicht als etwas Alltägliches,
Gewöhnliches und Banales hinzunehmen“.
Ein wichtiges
Anliegen ist der Autorin die Analyse der Mängel und
Versäumnisse der Arbeiterbewegung – der Versuch, zu
erklären, weshalb sie und mit ihr viele andere so lange blind
sein konnten für die Schattenseiten des Sozialismus. Wieso
wollte oder konnte man die Gräueltaten der Stalinära
nicht zur Kenntnis nehmen? „Unsere Schwächen, Fehler
und Irrtümer sind aus der Begrenzung unserer Zeit, aus unseren
eigenen Begrenzungen zu verstehen.“ Russland war das
„ferne Licht aus dem Osten“; es diente als
Projektionsfläche für die eigenen politischen Ideale.
Als erstes sozialistisches Land der Welt war es einer
ständigen Bedrohung ausgesetzt und um diese abzuwenden waren
auch Mittel erlaubt, die man unter anderen Umständen nicht
gebilligt hätte – dies war die Argumentation
innerhalb der Bewegung und zugleich einer der Gründe
für die weit verbreitete Kritiklosigkeit. Als
verhängnisvoll hat sich auch die katechismusartige
Lektüre der Schriften von Marx und Engels, später
derjenigen von Stalin erwiesen; sie liess selbständiges Denken
gar nicht erst entstehen. Die Schriften wurden wie „heilige
Botschaften gelesen, nicht wie wissenschaftliche Texte“. Das
elitäre Bewusstsein einer kleinen Gruppe, auf der richtigen
Seite zu stehen, gepaart mit einem jugendlichen, beinahe
„religiösen Idealismus“ hat das seine dazu
beigetragen. Hümbelin übt entschieden Kritik an der
Blindheit der Bewegung, sie sucht nach Erklärungen, aber nie
distanziert sie sich von ihren Grundüberzeugungen. Dass die
politische Wirklichkeit nie dem Ideal entsprochen hat, entwertet das
Ideal nicht. Ihre politische Grundintuition beschreibt Lotte
Hümbelin folgendermassen: „Ich glaube, die
Menschheit wird nur bestehen können, wenn sie Ideen
entwickelt, die Solidarität und Gerechtigkeit zum Ziel haben.
Und nichts anderes ist der Kommunismus.“ Den Zugang zur Idee
des Marxismus erhält sie nicht wie viele ihrer aus
bildungsbürgerlichen Kreisen stammenden Kollegen über
die Theorielektüre; sie ist vielmehr, wie sie schreibt,
bereits durch ihre Biografie für die soziale Problematik
sensibilisiert worden. „Die Idee die
Klassengegensätze zu überwinden, der
Internationalismus begeisterten mich. Das Verständnis
für die sozialen Fragen musste ich mir nicht auf dem Umweg
über die Theorie mühselig erarbeiten. Alles war wegen
meiner persönlichen Geschichte in mir vorbereitet –
die Theorie war nur eine Bestätigung des bereits intensiv
Erlebten. Für mich war es einleuchtend, dass sich die
arbeitenden, ausgebeuteten Menschen über alle Grenzen hinweg
zusammenschliessen sollten.“

Lotte Hümbelin war Kommunistin mit Leib und Seele und sie
blieb es ein Leben lang; auch wenn sie spätestens seit dem
Ungarnaufstand 1956 nicht mehr bereit war, der offiziellen Parteilinie
zu folgen. Anders als viele ihrer Parteigenossen gelangte sie
früh zu einer kritischen und undogmatischen Sichtweise, hatte
(auch in diesem Punkt) ihren eigenen Kopf. Ihre Versuche, den Marxismus
in einer offen-dialektischen und eigenständigen Weise
weiterzudenken, scheiterten am Widerstand der Mehrheit ihrer
moskautreuen Parteigenossen. Sie fühlte sich innerhalb der PdA
isoliert und zog sich, wie sie sagt, in „eine Art innere
Emigration“ zurück. Aus der Partei ausgetreten ist
sie allerdings nie – aus Solidarität mit ihren
österreichischen Genossen und Genossinnen, von denen viele die
Hitlerjahre nicht überlebten.
Der Blick, den Lotte Hümbelin auf ihre Jugendjahre
zurückwirft ist kritisch und immer präzis, auch dort
wo es weh tut– aber nie bitter. Vielleicht ist dies das
erstaunlichste an diesem Buch: seine Grossmütigkeit und
geistige Offenheit. Die verbissene Engstirnigkeit vieler ihrer
Parteigenossen war ihr stets fremd. Sie pflegte Freundschaften immer
auch über die Parteigrenze hinweg. Der Mensch stand bei ihr
immer an erster Stelle, dann erst kam die politische Gesinnung.
Gegenüber Hermes und dessen linientreuen, bisweilen
intoleranten Überzeugungen bestand sie auf eine
eigenständigen, offene Sicht der Dinge: „Ich behielt
ihm gegenüber immer mein geistiges Reservat, meine kleine
Insel, auf der ich auf meinem Ich beharrte, auf meinen Freunden, die
nicht die seinen waren, auf meinen Büchern, die er nicht las,
meinen Zuneigungen, die er nicht teilte.“
Wien im
März 38 – die Bilder vom Empfang Hitlers durch eine
euphorische, fahnenschwingende Menge sind im öffentlichen
Bewusstsein auch heute noch gegenwärtig. Die Lektüre
von „Mein eigener Kopf“ bietet Gelegenheit ein
anderes, ein widerständiges Österreich
wiederzuentdecken. Ich hätte Lotte Hümbelin gerne
gefragt, wie sie nach dem Zusammenbruch des real existierenden
Sozialismus unsere heutige Zeit beurteilt. Wir müssen uns mit
Mutmassungen begnügen – dass ihre Antwort kaum
sonderlich optimistisch ausgefallen wäre, lässt sich
mit Blick auf das Ende der 90er Jahre geführte Interview
vermuten. Sie erklärt dort: „Wir leben in einer
unguten Zeit. Seit dem Zusammenbruch einer Welt, die sozialistisch sein
sollte, aber ihr Ziel weitgehend verfehlt hat, triumphiert das
kapitalistische System mit seinem Waren- und Konsumfetischismus. Ein
primitiver Nationalismus richtet überall schlimmste
Verheerungen an, und der Krieg gilt als probates Mittel zur
Lösung schwieriger komplexer Konflikte.“ Aus dem
Munde vieler klänge dieses Urteil am Ende eines Lebens bitter
– bei ihr ist es kämpferisch gemeint.
Fotos aus Mein eigener Kopf, Ein Frauenleben in Wien, Moskau, Prag,
Paris und Zürich, Edition 8, Zürich 1999 (ausser Foto
in der
Wohnung: Studienbibliothek Info 46).
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