.: Ausgabe Nr. 19 :.

Text: Yanar Mohammad

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Brief von Yanar Mohammad , Präsidentin der Organisation für die Freiheit der Frauen im Irak

equalityiniraq.com

Nach einer Woche in Bagdad ist der Blick jetzt klarer. Diese Invasion hat es in ein weiteres Algerien mit Geistern des Terrorismus, die das Land heimsuchen, verwandelt. Undefinierbare Geister, welche von den Amerikaner nicht lokalisiert, gesehen oder bekämpft werden können. Durch den Sturz von Sadam’s Regime hat ein enormes politisches Vakuum jedem bärtigen Fanatiker den Weg geebnet, sein Schwert an unseren Nacken zu führen und die Macht zu beanspruchen … im Namen Gott des Allmächtigen. Eigentlich wünschte ich, es wäre so bizarr und unwirklich, wie ich es notiere, aber es ist nicht so. Diese Individuen funktionieren nicht allein. Sie haben politische Parteien gegründet und Milizen aufgebaut. Ihre Agenda ist ganz klar …, entweder es läuft nach ihren Vorstellungen oder überhaupt nicht. Jeder Widerspruch, sagen sie, richtet sich gegen den Willen Gottes … und das spitze Schwert ist schon bereit. Am Übelsten ist, dass sie durch die Amerikaner die Oberhand im Irak erhalten haben. Fast die Hälfte des Leitenden Rates hat jene Bärte, manchmal lang, kurz oder unsichtbar. Über Millionen von Frauen im Irak ist das Urteil bereits gefällt. Sie sind 2.-Rangbürger, die über ihre blosse weibliche Existenz beschämt sein müssten, und sich verhüllen und dankbar dafür sein sollten, das zu bekommen, was man ihnen erlaubt. Oh … und also lobet den Herrn und versprecht, seinen Wünschen nicht bei jeder Gelegenheit zuwiderzuhandeln, ob gesellschaftlich oder politisch.

Dieser Monat ist Zeugnis die Anfänge der Frauenbewegung in Bagdad. Alles begann, als der Leitende Rat die Resolution 137 vorschlug, welche die islamische Sharia in Kraft setzt, um jedes einzelne Detail des Zivilrechts und letztendlich unser Leben zu regeln. Sie überschreibt auch alle modernen Errungenschaften, welche durch die Kämpfe der irakischen Frauenbewegung zustande kamen. In der zweiten Januarwoche demonstrierten mehr als hundert Frauen auf dem Al-Fardawse-Platz, um diese Resolution zu verurteilen. Diese Frauen gehörten zu verschiedenen Organisationen (80 wurde gesagt). Einige standen Mitgliedern des Regierenden Rates nahe, welche nicht mit der Resolution einverstanden sind. Ihre Reden waren klar, obwohl ziemlich moderat, und die Frauenfrage wurde eher schüchtern angegangen. Dennoch war dies einer der ersten Pulsschläge des Widerstandes von Frauen, der nicht einfach verscheucht oder von islamischen Sultanen, auf einigen der Sitze des Leitenden Rates thronend, unterdrückt werden konnte.

Ende Juli …mehr Frauenmacht und laute Einwände von OWFI Für den 29. Juli beschlossen wir, dass ich als Vorsitzende von OWFI einen Vortrag halten sollte, mit einer Einführung und der vollen Unterstützung durch die Arbeiterkommunistische Partei des Irak. Das Auftreten unserer Frauengruppe ohne physische Unterstützung einer politischen Gruppe, die bereit ist, uns zu schützen und zu verteidigen, wäre ein Fehler, den wir nicht machen werden. Für den Fall, dass einer plant, uns einzuschüchtern, zu belästigen, oder unsere Aktivitäten zu verunmöglichen, sogar mit einer Bombe. Der Vortrag wurde sehr gut aufgenommen, von Intellektuellen, Vertreterinnen von Frauengruppen und einem breiten Spektrum des Publikums, ausser von zwei islamistischen Frauen, die ihre Klagen gegen die Idee der Gleichheit erhoben. Sie bestanden darauf, dass eine Frau alleinig dazu geboren wird, eine Mutter zu sein und den Mann zu unterstützen. Es waren einige Medienleute da, von denen einer eine Diskussion anregte über die Verbindung, oder eher die Diskrepanz zwischen dem 11. September und der Übergabe der Macht an die Islamisten im Irak. Eine der am Vortrag anwesenden Frauen bot ausgezeichnete Unterstützung und eine Einladung zur Demonstration von Frauen am nächsten Tag mit der Forderung für gleiche Vertretung von Frauen in allen Räten.

Die Demonstration am nächsten Tag begann am Fatih-Platz mit rund 80 Frauen, die Slogans und Forderungen vortrugen. Gegen Ende auf dem Fardawse-Platz war die Zahl auf gegen 200 angewachsen, einige der Frauen hatten sich uns von der Strasse weg anschlossen. Da es für diese Frauen etwas ganz Neues war, getraute sich keine, Slogans mitzusingen oder auch nur daran zu denken. Tatsächlich hatten einige von ihnen den Schleier an. Ich fragte sie, ob sie irgendwelche Parolen für die Demonstration hätten. Sie sagten nein. So begann ich mit: ‘Ja zu Frauen … Ja zu Gleichheit.’ Einige Frauen um mich herum wiederholten die Parole mit leiser Stimme. Nach einigen Malen fingen mehr als hundert Frauen an, den Slogan zu wiederholen. Jemand, den ich nicht kannte, lief zu mir mit einem Megaphon und einem breiten Lächeln. Wir skandierten weiter und weiter, ziemlich laut, während wir auf dem Fardawse-Platz unsere Runde drehten. Einige Frauen riskierten es, mit einem eigenen Slogan ‘Frauen sind die Hälfte der Gesellschaft, gebt uns gleiche Vertretung’, zu beginnen, den wir nach ihnen wiederholten. Als wir die Runde beendet hatten und uns um die Bühne niederliessen, welche wir für die Reden vorbereitet hatten, fingen die Medienleute an, die erste Rednerin zu fotografieren, eine der Organisatorinnen, vom Rat von Mutterschaft und Kindheit. Sie informierte die anwesenden Leute über den Grund der Demonstration, d.h. gleiche Vertretung und zählte die anwesenden Gruppen auf. Ich dachte, dass es schade wäre, die Gelegenheit und die Versammlung nicht zu nutzen, deshalb bat ich um das Mikrophon. Eine Frau trug mir auf, sachte auf das Publikum zuzugehen, weil ‘wir für einen ganz bestimmten Grund hier sind …Vertretung’. Ich begann meine Rede mit einer Mahnung, dass die Zeiten der Ungleichheit zwischen Frauen und Männern nicht so weiter gehen könnten. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und besonders politische Ungleichheit könnten nicht mehr toleriert werden. Vertretung sei eine wichtige Frage, aber was würden uns 50% Vertretung bringen, wenn die Politik nicht frauenfreundlich sei. Das beste Beispiel dafür sei die Resolution 137, die eine Frau zurück in das dunkle Zeitalter verbannt, wo sie nach den Gesetzen der islamischen Sharia absolut keine Rechte mehr hat. Diese Resolution beweist das Versagen der Verantwortlichkeit des Regierenden Rates darin, die Interessen der Frauen in Irak zu verteidigen. In Wahrheit beweist es, das sie die schlimmsten Feinde der Frauen sind. Wir sollten zusammenstehen und allen unsern politischer Kampf und unsere Solidarität für den Beginn eines neuen Zeitalters verkünden. Eine Ära der Gleichheit für Frauen. Und ich schloss mit ... Lasst uns alle zusammen rufen: „Lang lebe die volle Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen." Es gab guten Applaus und die Bitte von ausländischen Medien, etwas auf Englisch zu sagen, was ich dann machte. Mir wurde am nächsten Tag gesagt, dass ich auf allen drei örtlichen Fernsehkanälen zu sehen gewesen sei, besonders mit den Interviews, die sie mit mir gemacht hatten, in denen ich die Gelegenheit wahr nahm, eine säkulare Verfassung zu fordern, welche nicht auf der Trennlinie zwischen Ethnizität, Religion oder Geschlecht basiert.

Am nächsten Tag war in unserem OWFI-Büro ein Kommen und Gehen aller Arten von Frauen und politischen Anhängern, die uns zu unserer öffentlichen Stellungnahme gratulierten. Nachdem ich einen Vorschlag geschrieben hatte, wie wir eine Einflusszone für Frauen im Al Huda-Komplex beginnen könnten, ging ich ins Internetcafé, um ihn unseren Anhängerinnen zu mailen. Da fand ich in meiner Mailbox ein Mail in Arabisch mit einem seltsamen Titel. Ich las den Titel immer wieder, bis ich sicher war, dass ich richtig gelesen hatte. In einer kurzen Notiz drückt die Armee von Sahaba (Jaysh Al-Sahaba) ihre Bestürzung über meine Frauenaktivitäten aus. Sie beschliessen, dass ich getötet werden müsse, weil ich eine abtrünnige Moslemin sei, ausser, wenn ich davon abschwöre, was ich tue. Meine WCPI-Freundinnen und ich entschieden uns, sofort zum zentralen Hauptquartier der US-Truppen zu gehen, um zu sehen, was die für mich machen können. Mir wurde mitgeteilt, dass Oberst Brown die geeignetste Ansprechperson dafür sei. Beim Tor erklärte ich den US-Soldaten die Angelegenheit und klärte sie darüber auf, wie dringend sie sei, und auch, wie unsicher es für mich sei, so ungeschützt im Freien zu stehen. Ich glaubte auch in meinem Innersten, dass es vor allem unsicher ist, dieser Tage in der Nähe irgendeines US-Soldaten zu stehen, der ja jederzeit angegriffen werden konnte. Die Antwort war, dass ich warten müsse. Für wie lang? Das weiss niemand. Ist er denn drinnen dort? Wir sind nicht sicher, aber Sie können warten. Wird er kommen? Wir wissen es nicht. Aber mein Leben ist in Gefahr …das Leben aller ist in Gefahr, gnädige Frau. Nachdem ich erklärt hatte, wie ausser mir ich sei, sagten sie, dass sie Wichtigeres zu tun hätten. Ich sagte ihnen, dass mein Leben auch wichtig wäre. Dann erst hörte ich die längste Aneinanderreihung von ‘F’-Ausdrücken, welche zum Anlass zu passen schienen. Ich musste zurückgehen, und mich auf die Suche nach einem neuen Übernachtungsort machen. Ich muss mich für meine Sicherheit auf meine politischen Anhängerinnen verlassen, und sicherstellen, dass die Pistole in meiner Handtasche griffbereit ist, und dass ich weiss, wie sie rasch einzusetzen ist, wenn die Zeit kommt. Obwohl dieser Eid-Urlaub in Bagdad blutig war, kann ich doch laute Musik in der gegenüberliegenden Nachbarschaft hören, obwohl es fast Mitternacht ist. Die Kinder spielen mit Feuerwerk, und die Familien treffen sich. Die Leute haben einen starken Willen, trotz allem ein normales Leben zu führen. Ich bin froh, dass der Eid vorbei ist, der rote Alarm ist aufgehoben, und es kann einen leicht sichereren Tag für das Leben von Millionen unschuldiger Zivilisten geben ... und vielleicht für mich.

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