Bericht aus Moskau
Kürzlich war eine Moskauer Pazifistin in Genf und erzählte über die Situation in Tschetschenien. Nachstehend ein Interview, das wir übersetzt und leicht gekürzt abdrucken.
Seit er im März 2001 in Stockholm von den EU-Chefen gut aufgenommen wurde, scheint Vladimir Putin nicht mehr daran interessiert, eine schnelle Lösung für die Beendigung des Krieges in Tschetschenien zu finden. Ihm wurde von den europäischen Führern eine ideale Plattform geboten, um seine Version der “Tschetschenischen Terroristen” zu verbreiten. Er musste auch nicht auf so unangenehme Fragen antworten wie: Morde an der Zivilbevölkerung, “Filtrierungslagern”, Folter, Vergewaltigung, und einiges mehr, das ihm von Menschenrechtsorganisationen vorgeworfen wird.
Aber nicht nur auf dem internationalen Parkett springt Putin von Erfolg zu Erfolg. In Russland, hat es der Präsident geschafft, fast die gesamte Opposition zum Verschwinden zu bringen. An Ostern übernahm die Regierung die Kontrolle über den Fernsehsender NTV. Damit verliert das Volk eine der letzten unabhängigen Informationsquellen.
Das ist die aktuelle Situation, in der die Mitglieder des Moskauer Praxis-Zentrums gegen den Krieg in Tschetschenien agitieren und sich für Hilfe an die notleidende Zivilbevölkerung engagieren. Die Moskauer Aktivistin Julia berichtete in Genf über die Ereignisse, die zum langjährigen Krieg in der kleinen Nord-Kaukasischen Republik führten. Sie erzählte über den Rassismus der Russen gegenüber den Tschetschenen und Menschen mit kaukasischen Gesichtszügen, über vorsätzlich zerstörte Häuser, über die Situation nach den in Moskau verübten Attentaten, die den Tschetschenen zugeschrieben wurden, deren Urheber aber nie identifiziert werden konnten. Julia schilderte anschaulich die Situation der PazifistInnen und KriegsgegnerInnen in Russland. Sie konnte die Schwierigkeiten der AktivistInnen vermitteln, die sich gegen die Barbarei gegenüber der tschetschenischen Bevölkerung einsetzen und die versuchen, die offiziellen Falschinformationen richtig zu stellen. Julia hat während der Veranstaltung zu politischen und ökonomischen Interessen an diesem Krieg Stellung bezogen und erklärt, welches die Bemühungen und Ziele ihrer Gruppe sind.
Kannst Du uns erzählen warum das Praxis-Zentrum beschlossen hat, eine Aktion gegen den Krieg und für die Tschetschenische Bevölkerung zu machen?
Weil es unsere Überzeugung als KriegsgegnerInnen ist. Es war wichtig diesen Akt der Solidarität zu machen, sich gegen Rassismus und Nationalismus zu stellen, damit eine Verbindung zwischen dem russischen und dem tschetschenischen Volk entsteht. Denn wir glauben weder an den guten Willen der russischen, noch an den der tschetschenischen Regierung. Es ist nicht nur eine propagandistische Möglichkeit, sondern auch ein Weg, um einen Gesinnungswandel bei der Bevölkerung zu bewirken und unsere Solidarität mit den Opfern des Krieges zu zeigen. Die beste Art ist die einer Anti-Militaristischen Aktion. Die Reaktionen der in Moskau und im Nord-Kaukasus lebenden Tschetschenen fiel sehr positiv aus. Dies machte uns Mut. Letztes Jahr haben wir eine Erklärung veröffentlicht und sammeln seither Kleider, Spielzeug und Bücher, die in die Bibliothek Victor Serge gebracht werden können.
Was ist die Bibliothek Victor Serge und was ist das Praxis-Zentrum?
Die Bibliothek Victor Serge ist ein Infoladen mit Büchern zu Sozialismus, Anarchismus, Anarcho-Syndikalismus, Libertärem Marxismus etc. Fast jede Woche finden Veranstaltungen statt, die von verschiedenen Gruppen aus der linken Szene organisiert werden. Das Praxis-Zentrum ist der offizielle Name dieser Bibliothek.
Gebt ihr auch eine Zeitung heraus?
Unsere Zeitung heisst “Tchelovetchnost”, was soviel wie Humanität heisst. Diese Zeitung gab es schon vor unseren Kampagnen. Die Redaktion, alles AntifaschistInnen, bot uns eine Zusammenarbeit an. Die letzten Ausgaben von “Tchelovetchnost” hatten den Anti-Militarismus zum Schwerpunkt. Dies gab uns die Möglichkeit, Informationen über den Krieg und unseren Aktivitäten zu verbreiten. Leider haben wir sehr wenig Möglichkeiten, an Informationen heran zu kommen und sie grossflächig zu verbreiten. Wir haben zu wenig Kapazität und auch unsere technischen Mittel sind beschränkt.
Ihr habt kürzlich eine Demo in Moskau organisiert.
Ja, das war ein Streik vor der Lubljanka, dem KGB Gebäude. Anlass war der Jahrestag der Deportation des tschetschenischen Volkes durch Stalin. 40 Personen – was für Moskauer Verhältnisse sehr viel ist (!) - kamen. Es waren Leute aus verschiedenen linken Bündnissen die daran teilnahmen.
Wie reagiert die Moskauer Bevölkerung im allgemeinen auf den Krieg?
Zu Beginn waren sehr starke rassistische Reaktionen auf die tschetschenische Bevölkerung spürbar. Das hat sich mittlerweile gelegt. Die Medien berichten fast nicht mehr über den Krieg. Die Leute erhalten deshalb keine Infos.Wie sind die Reaktionen auf die Aktionen?
Es hat Leute, die in unsere Bibliothek kommen. Es ist sehr interessant, dass anschliessend oft Leute an unseren Aktionen teilnehmen, indem sie bei Sammlungen, bei Versänden und der Verteilung von Flugblättern helfen. RussInnen die uns helfen sind immer Armutsbetroffene.
Eure Anti-Militaristischen Engagements berührt die Menschen also?
Ja, aber nie die ganze Moskauer Bevölkerung. Meist die sozial aktive Bevölkerung. Junge Menschen, StudentInnen. Wir versuchen unseren Standpunkt zum Krieg und zur allgemeinen Situation zu vermitteln.
Warst Du auch in Tschetschenien?
Nein, es ist für Moskoviten schwierig dorthin zu gelangen. Man muss Papiere beantragen, Passierscheine, etc. Aber jemand aus unserer Organisation kann vielleicht den zweiten Lastwagen mit humanitärer Hilfe begleiten. Die von uns gesammelten Sachen werden von einer Nicht-Regierungs-Organisation (NGO), der BERKAT, in Grozny verteilt.
Hat es viele NGOs in Tschetschenien?
Seit der Entführung von NGO-Leuten im Januar haben viele Gruppen ihre Aktivitäten eingestellt. Es hat nur noch zwei oder drei, die aktiv sind. Eine davon ist BERKAT. Wir haben diese Gruppe ausgewählt, weil sie die einzigen waren, die sich mit unserer Zielsetzung gegen den Krieg und unseren humanitären Prinzipien einverstanden erklären konnte. BERKAT kümmert sich um eine Schule und ein Waisenhaus, die Waise ungeachtet ihrer Nationalität aufnehmen. Dies ist in unseren Augen sehr wichtig. In Grozny hat es viele Russen die nicht entkommen konnten, ebenso Armenier und Juden.
Was sind die Ursprünge dieses Krieges?
Einer der offiziellen Gründe, ist die der Erhaltung des russischen Territoriums. Wobei es noch andere Gründe gibt. Der tschetschenische Boden ist reich an Erdöl. Deshalb durfte dieses Territorium nicht verloren gehen. Der Krieg und die Themen zu Sicherheit und Nationalismus haben Putin zum Wahlsieg verholfen. Er brauchte einen kleinen Kriegserfolg. Aber in Wirklichkeit ist dies kein kleiner Krieg. Viele Leute glaubten, Putin könne alle Probleme regeln.
Wird der Krieg weiter gehen?
Niemand weiss das. Die russischen Autoritäten wollen keinen Dialog mit den Unabhängigen führen. Putin hat gesagt, er hole die Truppen zurück. Aber viele Polizeikräfte und KGB-Leute sind geblieben. Wir denken, es ist die tschetschenische Bevölkerung, die über das Schicksal ihrer Republik entscheiden muss. Nicht unabhängige Kräfte oder Russen. Die militärischen Operationen sollen aufhören und Verhandlungen aufgenommen werden.
Konntet ihr russische Soldaten treffen, die in Tschetschenien waren?
Ich habe einen jungen Mann getroffen, der sich, um Geld zu verdienen, freiwillig für den Einsatz in Tschetschenien gemeldet hat. Er hat mir furchtbare Dinge erzählt. Ich weiss nicht ob ich das alles glauben darf. Andere Organisationen sammeln Zeugenaussagen, vor allem “Memorial”, eine Menschenrechtsgruppe die in Moskau, Deutschland, Inguschetien und Grozny engagiert ist. Sie bieten auch juristische Hilfe an.
Reagiert die Bevölkerung auf all die vielen Toten dieses Krieges?
Die Eltern von Getöteten reagieren, weil es ihre persönliche Tragik ist. Aber die allgemeine Bevölkerung kümmert sich nicht darum. Es wird nicht darüber geredet. Die vielen Toten der Armee, der Zivilbevölkerung und der tschetschenischen Kämpfer werden versteckt. Humanitäre Organisationen haben nur Schätzungen. Gemäss diesen Zahlen sterben wöchentlich 20 Soldaten. Mehr als 20’000 Zivilisten sind seit Beginn des Krieges verschwunden. 250’000 Flüchtlinge sind in Inguschetien und in kleinen Bergdörfern. Vor dem Krieg lebten in Tschetschenien eine Million Menschen und in Grozny 400’000. Derzeit leben höchstens noch 40‘000 Menschen in Grozny.
Habt ihr Informationen über die Flüchtlinge in Inguschetien?
Es ist schwierig nach Inguschetien zu gelangen. Die russische Armee hat den Flüchtlingen die Wege verstellt. Es gab an der Grenze Tote. Jetzt ist der Weg einfacher, aber die vielen Zöllner wollen Geld sehen. Die Situation ist schwierig. Die Flüchtlinge leben in Lagern, in Zelten, sogar in Wohnwagen. Sie erhalten unregelmässig Brot und lebensnotwendige Produkte. Sie haben zwei Winter in Zelten verbracht.
Wie wollt ihr weitermachen?
Solange dieser Krieg dauert, werden wir uns engagieren. Wir werden sammeln. Wir werden Unmengen von Klebern mit unseren Parolen und dem Aufruf zu helfen unter die Leute bringen und weiterhin anti-militaristische Artikel veröffentlichen.
Kannst kurz Du den russischen Alltag schildern?
Die Hauptbeschäftigung ist die, zu überleben. In Russland erhalten viele Menschen ihren Lohn mit monatelanger Verspätung. In Moskau ist es etwas besser. Die Löhne sind tief. Ein Lohn in Moskau ist so um die 100 Dollar. Ausserhalb ist es weniger. Die Hauptbeschäftigung ist, eine zusätzliche Arbeit zu finden, irgendetwas zum Verkaufen oder Karriere zu machen. Günstiger Wohnraum fehlt in Moskau. Eine Staatswohnung mit zwei Zimmern kostet 10 Dollar, ist aber fast nicht zu finden. Eine Wohnung auf dem freien Markt kostet 200 Dollar. Da sich die wenigsten die Miete einer privaten Wohnung leisten können, leben oft ganze Familien in nur einem Zimmer einer Staatswohnung.
Hat es viele Arbeitslose?
Man darf die offiziellen Zahlen nicht glauben. Gemäss unabhängigen Recherchen ist die Arbeitslosigkeit um die 10% bei der aktiven Bevölkerung. Aber das Hauptproblem sind die tiefen Löhne. In Moskau kann problemlos eine Arbeit im öffentlichen Bereich gefunden werden. Als LehrerIn, StaatsangestellteR, Ärztin/Arzt, etc. Aber die sind sehr, sehr schlecht bezahlt.
Man bemerkt sofort die Uniformen der Soldaten an den zahlreichen Kontrollpunkten auf dem Weg nach Grozny. Eine Art Muster die es ihnen ermöglicht mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Jeder Soldat trägt eine automatische Waffe in den Händen – immer in den Händen. Die Gesichter sind ernst. (...)
In Grozny sind alle Häuser zerstört. Im besten Fall steht noch eine Mauer und das Dach, aber keine Scheiben. Im Stadtzentrum ist der Minoutkaplatz eine einzige Ruine. Die Strassen sind in einem sehr schlechten Zustand. Um Grozny herum sieht man schwarzen Rauch. Die Ölfelder brennen. Bei feuchter Witterung fallen Rauch und Asche auf die Stadt. Der russische Major, der mich begleitet, gibt offen zu, dass es unter den russischen Militärs viele Marodeure, Erpresser und Mörder hat, die während sogenannten Spezialeinsätzen plündern und Menschen anhalten mit dem Ziel, Lösegeld zu erpressen. Manche Gefangene werden ins Konzentrationslager “Tchernokozovo” geschickt. Wenige kommen da wieder lebend heraus. (...)
Die Minen in den Strassen sind eine stetige Gefahr. Jeden morgen suchen Minenräumer nach neuen Minen, die in der Nacht gelegt wurden. Die russischen Militärs gehen nicht zum Markt, denn sie würden Gefahr laufen, erschossen zu werden. Wenn sie etwas brauchen, schicken sie tschetschenische Milizionäre. (...)
Tagsüber patrouillieren russische Spezialtruppen und entführen und stehlen. Während der Nacht verstecken sie sich in befestigten Kontrollposten und schiessen auf alles, was sich bewegt, gemäss dem offiziellen Befehl vom militärischen Kommando. (...)
Wir haben das Waisenhaus Berkat besucht. Dank der humanitären Hilfe essen die Kinder gut. Die jungen Betreuerinnen lieben die Kinder. Die Stimmung ist fröhlich, man hört Kinderlachen. (...)
Die Kinder haben schwierige Situationen erlebt. Den Tod ihrer Eltern im Bombenhagel - oder sind von den Eltern verlassen worden, wie das hier immer wieder vorkommt. Die Kinder haben Hunger und Krankheit in den kalten Kellern der Stadt überlebt. Nun können sie in einer guten Ambiance ins Leben zurückfinden. (...)
Das tschechische Hilfswerk “ Der Mensch in Lebensgefahr” kauft Lebensmittel und transportiert sie nach Grozny, wo die MitarbeiterInnen von Berkat sie anhand von Listen an die Bedürftigsten verteilen. Ein Teil der Lebensmittel geht an Schulen. Die Schulgebäude sind Ruinen. Der Staat gibt nichts. Weder Bau-material, noch Bücher, noch Hefte. Im April bekamen sie den Dezemberlohn von 20-30 Dollar ausbezahlt. Sie baten um Hilfe in Form von Heften, Schulbüchern, Bleistiften etc. (...)
In Inguschetien habe ich sieben Flüchtlingslager besucht. Die Schulen sind durch ausländische Hilfswerke in grossen Zelten organisiert. Dort erhalten die Kinder auch zu essen. Überall hängen riesige Plakate, die vor Minen und Granaten warnen. Die Lebensbedingungen der Flüchtlinge sind fürchterlich. Im besten Fall leben sie in Kellern oder in verlassenen Ställen. (...)
Am 26./27. April wurde in Magas, der Hauptstadt von Inguschetien, eine Konferenz der kaukasischen Völker, die Opfer der Repression sind, abgehalten. Die Regierung und die Administration hat den OrganisatorInnen und den Delegierten alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt. Trotzdem nahmen um die zwanzig VertreterInnen von Hilfswerken und der kaukasischen Völker daran teil. Die Delegierten missbilligten die nationalistische Politik der russischen Regierung und beschlossen eine Koordinationsstelle für Gewaltbetroffene Völker zu schaffen.
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